Eckpfeiler der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik muss der Erhalt und die Stabilisierung der wichtigsten Regionalmächte sein. Sollte sich der militante Islamismus auch in Ägypten, Pakistan, Saudi-Arabien oder der Türkei ausbreiten, wäre das der endgültige Knock-Out für eine Eindämmung des islamistischen Terrors. Es würde zu großen Verwerfungen im Nahen Osten kommen, deren Ende gar nicht abzusehen wäre. Dass dies eines der Hauptziele des Islamischen Staats und al-Qaidas ist, gilt als unzweifelhaft. Und die Chancen für ein solches Horrorszenario stehen gar nicht so schlecht, schließlich haben wir nicht nur in Syrien und im Irak einen brutalen Bürgerkrieg sondern auch im Jemen, in Libyen oder auf dem Sinai. Die gesamte Region ist heute umschlossen von Chaos, Anarchie und Terror.
Gründe für Zweifel
Allein die immensen Unterschiede zwischen Arm und Reich in den Golfstaaten bergen bereits eine enorme Sprengkraft. Viele Gastarbeiter leben in einem annähernd rechtlosen Zustand und überlassen nicht selten sogar die Pässe ihren Arbeitgebern. Frauen dürfen nicht einmal Auto fahren. Bloggern wie Raif Badawi drohen drakonische Strafen, während wohlhabende Geschäftsleute durch großzügige Spenden islamistische Terrororganisationen wie ISIS, al-Qaida, die Taliban oder al-Nusra-Front finanzieren. Saudi-Arabien hat Millionen aus seinem Erdölgeschäft in die Ausbreitung des wahhabitischen und salafistischen Gedankenguts investiert – auch im Westen. Nicht zuletzt speist sich der „Islamische Staat“ aus dieser religiösen Ideologie.
Es ist erschreckend, dass ausgerechnet Pakistan ein Arsenal an Atomwaffen besitzt. Noch erschreckender sind aber die sogenannten „Tribal Areas“, die nur noch unzureichend von der Zentralgewalt in Islamabad beherrscht werden und in Teilen als Unterschlupf von Taliban und al-Qaida dienen (weswegen es dort auch verstärkt zu amerikanischen Drohnenangriffen kommt). Nach wie vor muss der pakistanische Geheimdienst (ISI) als einer der wichtigsten Förderer der Taliban gelten. Ebenso wird die islamistische Terrorgruppe Laschkar-e Taiba, die bereits schwere Anschläge auf dem Subkontinent verübt hat, durch Pakistan unterstützt. Dass man gegen den Erzfeind Indien in der Vergangenheit bereits mehrfach zu Felde gezogen und vermutlich in sezessionistische Bestrebungen in Kaschmir involviert ist, macht eine Zusammenarbeit nicht einfacher. Niemand kann heute eine Konfrontation zwischen den beiden Atommächten Pakistan und Indien völlig ausschließen, besonders weil längst islamistische Attentate, wie am 26 November 2008 in Mumbai durch Laschkar-e Taiba, ein Klima der Angst und des Misstrauens auf dem Subkontinent geschaffen haben.
Ein jahrelanges Untertauchen von Osama bin Laden – des meistgesuchten Mannes der Welt – in Pakistan wäre ohne die Unterstützung durch den Geheimdienst (ISI) und des Militärapparats gar nicht möglich gewesen. Dass dabei Abbottabad, wo Osama bin Laden am 2. Mai 2011 von amerikanischen Spezialkräften gestellt wurde, nur wenige Kilometer von einer Ausbildungsstätte des pakistanischen Militärs und der Hauptstadt Islamabad entfernt ist, spricht für ein Wissen von Teilen der Staatsführung über den Aufenthaltsort des gesuchten Terroranführers. Die genauen Umstände sind bis heute nicht aufgeklärt worden. Deswegen bleibt Pakistan eines der wichtigsten Betätigungsfelder westlicher Geheimdienste.
Auch die Türkei wurde durch die Politik Erdogans zu einem schwierigen Partner, was sich besonders seit den Gezi-Protesten 2013 manifestiert. Eine Zusammenarbeit des Westens mit den Kurden im Irak und in Syrien wird erschwert durch die Angriffe der Türkei auf die kurdische PKK mit ihren Verbündeten. Am 24. November 2015 erfolgte der Abschuss eines russischen Militärjets, als Frankreich und Russland gerade ein Bündnis gegen ISIS schmiedeten. Viele NATO-Partner distanzierten sich vom Vorgehen Ankaras, Russland bestritt sogar in den türkischen Luftraum eingedrungen zu sein.
Die Formung neuer Allianzen
In dieser gewaltigen Krisensituation steht Europa nicht allein da. Mit Russland, den USA und Indien gibt es Verbündete, die nicht nur über gewaltige militärische Fertigkeiten verfügen, sondern ebenfalls in der Vergangenheit mehrfach Ziel von terroristischen Anschlägen waren. Da sowohl die russische Föderation als auch die indischen Bundesstaaten starke moslemische Minderheiten besitzen, kann eine drohende Ausbreitung des militanten Islamismus auf ihr Staatsgebiet nicht in ihrem ureigensten Interesse sein. Auch die USA haben bewiesen, dass ihre Sicherheitsinteressen in der Region in den allermeisten Punkten mit denen der europäischen Partner übereinstimmen. Europa sollte gemeinsam mit diesen Mächten eine ganzheitliche Strategie entwickeln, die die gesamte Region ins Rampenlicht rückt und für einen Ausgleich sorgt. Es ist allerhöchste Zeit dafür.