Je näher man sich mit der Freien Syrischen Armee (FSA) beschäftigt, umso mehr Zweifel kommen auf, ob sie überhaupt in nennenswerter Stärke existiert, geschweige denn ein verlässlicher Partner für Europa sein kann. Ein Blick auf die syrische Landkarte (z. B. Wikipedia – Syrian Civil War) offenbart zum einen die verhältnismäßig kleine, von Rebellen kontrollierte Fläche. Zum anderen lässt sich seit Monaten beobachten, wie sich die al-Nusra-Front – der syrische Ableger von al-Qaida – scheinbar auf Kosten anderer Gruppierungen ausbreiten kann. Es besteht die Gefahr, dass auch demokratische Alternativen (wie die FSA) von der al-Nusra-Front absorbiert werden. Das ist eine Entwicklung, die besonders der Westen mit Sorge beobachten sollte.
Zersplitterung der syrischen Opposition
Das größte Problem jedoch stellt die Zersplitterung der Rebellen in zahllose Einheiten mit sehr unterschiedlicher Motivation dar. So besteht beispielsweise die FSA aus zahlreichen kleinen Gruppierungen, die sich erst unter dem Druck von Assads Militärmaschinerie zusammengeschlossen haben. Gleichzeitig kooperiert die Freie Syrische Armee mit den „gemäßigten“ Islamisten der maßgeblich von Saudi-Arabien geförderten Islamischen Front, die im November 2013 gegründet wurde und sich wiederrum aus mindestens sieben islamistischen Gruppen zusammensetzt. Ihre wichtigste und bekannteste Einheit ist die Ahrar al-Scham. Das gemeinsame Ziel der Islamisten ist nicht die Errichtung einer Demokratie sondern eines salafistisch geprägten Gottesstaates, was sie als Bündnispartner des Westens unattraktiv machen sollte. Besonders im Norden in der Region um Idlib ist die Islamische Front stark vertreten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass hier auch die russische Luftwaffe agiert, stehen doch neben al-Nusra und IS noch weitere militante, islamistische Organisationen auf Moskaus Liste zu bekämpfender Ziele.
Islamistische Gruppierungen im Aufwind
In der selben Gegend ist noch eine weitere Organisation aktiv, die ebenfalls Baschar al-Assads Truppen bekämpft und von den Golfstaaten finanziell unterstützt wird. Die Dschaisch al-Fatah (JaF) ist im Vergleich zur Islamischen Front noch radikaler, was wenig erstaunt, wenn man bedenkt, dass extremistische Einheiten wie die al-Nusra-Front oder Jund al-Aqsa bis Oktober 2015 einen nicht unerheblichen Teil der Streitkräfte dieses Zusammenschlusses gestellt haben. Bis beide als Terrororganisationen eingestufte Gruppierungen das Bündnis verließen, hatten sie bereits jahrelange Unterstützung von der Türkei, Katar und Saudi-Arabien erhalten. Gerüchteweise sollen sogar westliche Geheimdienste der al-Nusra-Front Geld und Ausrüstung bereitgestellt haben, bis sich die Hoffnung auf einen Bruch mit der al-Qaida Führung nicht bewahrheitete. Bestätigt ist jedenfalls, dass den Islamisten bei Kämpfen mit anderen Rebellengruppen im Raub Idlib auch amerikanische Ausrüstung und Waffen in die Hände gefallen sind.
Schwache demokratische Kräfte
Es ist deshalb eigentlich nicht korrekt, von den Rebellen als monolithischen Block zu sprechen. Stattdessen setzt sich die Assad-Opposition aus den zumindest in Teilen demokratischen Einheiten der Freien Syrischen Armee, aus den gemäßigten, von Saudi-Arabien geförderten Islamisten der Islamischen Front sowie aus den radikalen Parteien der Dschaisch al-Fatah zusammen. Noch weiter abseits stehen die al-Nusra-Front, Jund al-Aqsa oder die Al-Jarmuk Märtyrer-Brigade, die man beim besten Willen nicht als Freunde von Demokratie und Menschenrechten bezeichnen kann. Somit gibt es neben den Kurden und der irakischen Regierungsarmee nur die FSA, auf die sich Europa im Großen und Ganzen im Kampf gegen ISIS verlassen kann.
Machtvakuum nach Assad
Schauen wir mit diesem Wissen nun erneut auf die Landkarte Syriens, müssen wir feststellen, dass zwar YPG und al-Nusra zumeist gesondert ausgewiesen werden, aber bei den restlichen Gebieten unter Kontrolle der Rebellen völlig unklar ist, ob die FSA, die Islamische Front oder Dschaisch al-Fatah eine bestimmte Region beherrscht. Vielleicht ist es auch aufgrund von fließenden Grenzen und Bündnisstrukturen gar nicht möglich, eine graphisch korrekte Darstellung wiederzugeben. In dieser Gemengelage klingt die Warnung Putins nicht unplausibel, dass ein Sturz Assads ein Vakuum hinterlassen würde, das Islamisten und ISIS ausfüllen könnten. Denn prinzipiell muss eingestanden werden, dass militante Islamisten in Syrien auf dem Vormarsch sind. Und das beinhaltet beileibe nicht nur die al-Nusra-Front oder ISIS. Die Sorgen Russlands werden unterstützt durch die Entwicklungen in Ländern wie den Irak, Libyen oder Ägypten, wo nach dem Sturz der Diktatoren starke islamistische Kräfte entweder die Macht ergriffen oder sich dauerhaft als Konfliktpartei etablieren konnten. Das soll nicht bedeuten, dass Syrien nicht ebenso eine Demokratie werden könnte, wie es Deutschland oder Japan nach dem Zweiten Weltkrieg wurden. Aber es besagt, dass Europa und der Westen über einen langen Zeitraum dem Land Hilfe gewähren müssen, sowohl zur Bekämpfung der Terrortruppen als auch zum ökonomischen Wiederaufbau.
Das Phantom der Freien Syrischen Armee
ISIS mit der JaF zu bekämpfen, könnte sich als zweischneidiges Schwert erweisen, und würde die Glaubwürdigkeit des Westens in der arabischen Welt unterminieren. Es stellt sich die Frage, wie verhindert werden kann, dass Waffen und Ausrüstung in die falschen Hände geraten. Was ebenso thematisiert werden sollte, ist die tatsächliche Stärke der FSA. Es tauchen Berichte von Journalisten auf, die unter Kontrolle der FSA (oder der Islamischen Front) stehende Regionen angeblich bereist haben und es als „Niemandsland“ beschreiben. Keine der Konfliktparteien würde hier die Herrschaft ausüben. Zum Teil könnten sogar wichtige Ortschaften zeitweise von den syrischen Regierungstruppen gehalten oder zurückerobert werden. Sollten diese Berichte der Wahrheit entsprechen, wären die Rebellengebiete nur Regionen, in denen die syrische Regierungsarmee nicht mehr die alleinige Herrschaft ausübt. Doch Vorsicht ist geboten, kann es sich hierbei doch ebenso um Propaganda halten.
Islamistische Bündnispartner
Überdies stellt die gelegentliche Zusammenarbeit der Freien Syrischen Armee mit der radikalen Dschaisch al-Fatah und der al-Nusra-Front sowie die angespannten Beziehungen zur kurdischen YPG den Westen vor enorme Schwierigkeiten. Europa muss auf die FSA einwirken, die Kooperation mit den militanten Islamisten zu beenden und sich mit der YPG auszusöhnen. Da die Türkei wahrscheinlich nicht zulassen wird, dass die syrischen Kurden große Teile des Landes besetzen, steigt die Bedeutung eines weiteren Alliierten wie die FSA für die Europäer. Ebenso wird die Abstimmung mit Russland, was aktuell ein wichtiges Ziel der französischen Außenpolitik darstellt, erschwert, da die Russen auch die Islamische Front und Dschaisch al-Fatah aus der Luft angreifen. Bei einem solchen Einsatz wurde auch ein russischer Jet, der angeblich in den Luftraum der Türkei eingedrungen war, abgeschossen.
Siehe auch: Die externen Konfliktparteien im Syrischen Bürgerkrieg
Ein Gedanke zu “Die internen Konfliktparteien im Syrischen Bürgerkrieg”